11.08./12.08.2015 Wenn Kinder plötzlich verrückt spielen …

… dann ist es vielleicht Zeit sich selbst und das eigene Verhalten zu reflektieren.

Die letzten zwei Tage waren für uns alle sehr durchwachsen, sehr anstrengend, aber auch sehr schön. Begonnen haben sie schon sehr früh, denn unser Sohn beschloss an beiden Tagen, dass er um sieben Uhr morgens wach ist. Leider waren wir zeitgleich wegen einiger Umräumarbeiten in den beiden jeweiligen Nächten wiederum sehr spät im Bett – so gegen eins oder zwei – was nun naturgemäß dazu führt, das WIR um sieben definitiv nicht wach sind.
Schon gestern, aber heute besonders, war unser normalerweise schon recht aufmüpfiger Sohn richtiggehend renitent. Er hat jegliche Anordnung verweigert und nicht nur das, auch noch mit voller Absicht das komplette Gegenteil gemacht, was nur mit großem Glück nicht zu größeren Sachschäden und Verletzungen geführt hat. Die ganze Situation gipfelte am Abend darin, dass sowohl der Papa als auch ich eine Backpfeife bekamen und so lange getreten wurden, bis ich dem Kind androhte, es ohne Windel schlafen zu lassen, wenn jetzt nicht sofort Schluss sei. Dann erst ließ sich der kleine Mann wickeln, aber das war auch schon alles. Im Endeffekt waren wir alle völlig erschöpft, unglücklich – wegen der Hauerei fiel auch das abendliche Singen und Kuscheln aus – und als der Sohn endlich eingeschlafen war, saßen wir als Eltern im Wohnzimmer und hielten Kriegsrat.
Der Herzensmann fragte mich immer noch recht aufgebracht, was denn bloß in unser Kind gefahren sei, das könne man ihm doch nicht durchgehen lassen. Ich dachte sehr ernsthaft darüber nach. Natürlich kann und darf man einem Kind nicht alles durchgehen lassen. Gerade so ein starker kleiner Charakter braucht klare Grenzen an denen es sich reiben kann, aber verlangen wir zu viel? Verlieren wir zu schnell die Geduld? Oder diskutieren wir zu viel, sind zu inkonsequent?

Da saß ich nun und ließ die letzten Wochen passieren und ich muss sagen: Beides! Von jedem gerade soviel, dass es ein Kind vollends verwirren muss!

Geschuldet ist das sicherlich dem Stress unter dem wir mit der Hochzeit und den bis zum Wochenende andauernden Aufräumarbeiten standen. Dann wurde der Papa krank, vermutlich wegen der Hitze, vielleicht aber auch wegen eines Infektes. Eine Entschuldigung ist das aber nicht.
Rückblickend betrachtet habe ich in vielen Dingen sehr inkonsequent gehandelt. „Dann mach halt!“ höre ich mich öfters sagen, weil ich nicht den Nerv hatte, wieder etwas auszudiskutieren. Gleichzeitig bin ich öfters laut geworden, war sehr gereizt. Nicht dem Kind gegenüber, aber dem Papa. Wir haben uns öfter in die Haare bekommen und haben uns dabei auch nichts geschenkt. Der Papa wiederum ist nicht nur ebenso gereizt wie ich, sondern durch den Infekt so ausgelaugt, dass er zwar körperlich beim Sohn ist, aber gar nicht wirklich mit ihm agiert. Er liegt auf dem Bett, während der kleine Mann um ihn herum spielt oder er spielt zwar, aber insgesamt mit sehr wenig Kommunikation. Die einzigen Momente, in denen er viel und konzentriert mit seinem Sohn spricht, sind oft die, in denen der kleine Mann über die Strenge schlägt und zurechtgewiesen wird.Und das oft auch sehr harsch und laut.
Ist es da ein Wunder, dass unser kleines Männchen anfängt, uns anzuschreien? Ist es ein Wunder, dass er anfängt, alle Grenzen neu zu hinterfragen? Wenn ich respektlos mit dem Papa umgehe, warum soll er das dann nicht dürfen? Und wenn alle gereizt sind und schreien, warum muss er dann als einziger ruhig sein?
Das sind legitime Fragen und es sind Fragen, die ein Kind in große Verwirrung stürzen, sodass es dann eben mit Schlagen und Treten reagiert. Und auch wenn ich darauf direkt reagieren muss – denn das ist bei uns absolut tabu! – muss ich mich doch auch fragen, warum der Sohn so reagiert und muss mich mir selbst und meinem Verhalten stellen. Wir Eltern sind die Vorbilder unserer Kinder und was wir tun, ist für sie das Muster dessen, wie sie handeln.
Ich weiß, dass wir in den letzten Tagen, man kann sogar sagen Wochen, nicht immer perfekt gehandelt haben, oft nicht einmal richtig. Aber dazu bleibt mir eben auch nur zu sagen, dass wir Menschen sind und weit davon entfernt perfekt zu sein. Ich war heute beeindruckt von meinem Mann, der auf die Erläuterungen meiner Erkenntnisse nicht etwa mit Verteidigung reagiert hat, sondern mit Einsicht – Er wisse, dass er oft zu schnell laut werde und es tue ihm hinterher immer leid. Und er bedankte sich dafür, dass ich das angesprochen habe, denn den Zusammenhang hatte er trotzdem so noch nicht gesehen. Dennoch glaube ich, dass wir diese Phase gut überstehen können, denn jetzt, wo wir unsere eigene Mitverantwortung an der Situation erkannt haben, können wir daran arbeiten.
Es wird auch weiterhin klare Grenzen geben und es wird sicherlich auch nicht schlagartig ruhig und gesittet zugehen – wir sind hier ein Widder, ein Schütze und ein Skorpion im Ring – aber wir versuchen uns selbst und unsere Fehler zu betrachten und daraus zu lernen. Und eines ist sowieso klar: Auch wenn wir die Eltern sind, wenn wir einen Fehler gemacht haben, dann wird sich entschuldigt! Das ist das mindeste und nur so kann man sein Kind zu einem empathischen Menschen machen.

Das wir eben doch nicht so viel falsch machen, zeigte sich gestern Nachmittag, als ich nach einem Streit weinend in der Küche saß. Das war ein deutliches Zeichen der Überreizung, denn eigentlich war der Streit tatsächlich gar nicht schlimm. Vor allem aber weine ich so gut wie nie und bisher auch noch nicht vor unserem Sohn.
Statt nun aber vor der Situation zurückzuschrecken, handelte unser wundervoller kleiner Mann. Er fragte nicht einmal – was für ein Kind in der Warum-Phase typisch wäre – „Warum weinst du denn?“, sondern kam einfach zu mir. Er legte mir die Arme um den Hals, gab mir einen ganz dicken, zärtlichen Kuss, sah mir in die Augen und sagte: „Mama! Du brauchst nicht weinen! Es ist alles gut.“ Dann gab er mir seine durchweichte Dinkelwaffel und sagte: „Hier, das musst du essen, dann weinst du nicht mehr!“
Es steht außer Frage, dass ich danach gar nicht mehr traurig sein konnte. Und morgen früh werde ich mich als erstes bei meinem kleinen Mann für den Stress der letzten Wochen entschuldigen!

Frhoppe 12.08.2015

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