15.06.2016 Weil es so ist!

Dieser Satz fällt bei uns in letzter Zeit häufig, denn der kleine Mann fragt nicht „Warum?“ sondern „Wieso?“ und auf „Wieso?“ kann ich nicht mit „Dieso!“ antworten.
Wobei ich auch das mitunter tue!

Der kleine Mann ist mittlerweile 3 Jahre und 7 Monate alt und er ist wahrhaftig ein kleines Sprachgenie! Das die Sprache wirklich sein Steckenpferd ist, war uns schon länger klar, denn immerhin verkündete er mit gerade einmal 17 Monaten „Kimmi unter Spüle steckt!“ beim Anblick der sich unter der Spüle versteckenden Katze. Auch vermuteten wir, dass er wohl ein bisschen weiter ist, als andere Kinder in seinem Alter, vor allem, weil er nicht selten komplizierte, grammatikalisch richtige Schachtelsätze in verschiedenen Zeitformen von sich gibt, die ihresgleichen suchen. Selbst den Konjunktiv beherrscht er weitestgehend fehlerfrei.
Allerdings ordneten wir das ganze doch eher noch im normalen Bereich ein – der eine spricht halt mehr, der andere eben weniger.

Kürzlich hatten wir jedoch ein Gespräch mit der Erzieherin des kleinen Mannes, in dessen Verlauf sich herausstellte, dass es gar nicht so üblich ist, was der kleine Mann da fabriziert.*¹
Ganz im Gegenteil.

Sprachlich und kognitiv befindet er sich auf dem Level eines 5 bis 6jährigen. Er kann Farben weit über die Grundfarben hinaus benennen, kennt bereits einzelne Buchstaben und zählt – meist fehlerfrei, nur die 11 liegt ihm nicht so – bis dreizehn. Er weiß, wo er wohnt und die Nachnamen der meisten Nachbarn. Er erkennt die winzigste Veränderung in unserer Wohnung und an uns und er weiß ganz genau, wie sämtliche Kindersicherungen im Haus aufgehen, inklusive des Sicherheitsschlosses an der Haustür. Und das alles eigentlich bereits seit etwa einem Jahr.*²

Und sein Sprachschatz – Puh!
Der war bereits mit zwei Jahren so umfangreich, dass die Kita gar nicht wusste, wie sie ein Sprachlerntagebuch anlegen sollte.
Er benutzt Wörter wie „Majestätisch“ und „theoretisch!“ und beginnt Sätze mit „Weißt du Mama? Ich habe mir überlegt … !“, „Würdest du bitte,“ oder „Reichst du mir mal…!“.
Ich könnte noch seitenlang darüber verbringen, aufzuzählen, was er alles von sich gibt und würde zu keinem Ende kommen, darum höre ich an dieser Stelle auf.*³

Mit der Sprachkompetenz geht auch ein unheimliches Verständnis für Zusammenhänge einher.
„Wenn ihr mal alt seid und nicht mehr essen könnt, dann füttere ich euch und ich wickel euch auch, wenn ihr eingekackt habt und ich mache Kindersitze für euch in mein Auto und fahre euch überall hin!“ Diesen Satz hat er genauso gesagt – ich spinne mir das nicht zusammen. Tatsächlich spuckte ich selbst fast mein Frühstücksei über den Tisch!
Kürzlich fragte er mich, ob man mir im Krankenhaus den Bauch aufgeschnitten hat, um seine kleine Schwester rauszuholen. Hat man nicht und wir haben auch nie etwas in der Richtung gesagt, er hat sich wohl einfach gewundert, wie seine Schwester eigentlich aus meinem Bauch herausgekommen ist.
Und gerade letzte Woche, als er mit seiner Oma in den Urlaub flog, schaute er gespannt dem Sicherheitsballett zu und sagte dann seelenruhig zu meiner Mama „Oma! Du hast deine Tasche unter meinen Sitz gepackt, die muss aber vorne unter den Sitz!“
Das sind nur drei Beispiele – drei ganz kleine von ganz vielen solcher Momente, die aber eindrucksvoll zeigen, was sich in seinem kleinen Kopf abspielt.

Dass dies mitunter ein Problem für ihn sein kann, habe ich instinktiv schon vermutet und im Gespräch mit der Erzieherin wurde es uns dann bestätigt.
Ja, er ist sprachlich und kognitiv auf dem Level eines 5 bis 6jährigen.
Emotional ist er aber eben erst 3

Und das bedeutet im Umkehrschluss, dass er all die Dinge, die er im Kopf schon versteht, emotional noch gar nicht verarbeiten kann. Diese Diskrepanz zwischen Vernunft und Gefühl ist manchmal – durchaus täglich – einfach zu viel für ihn.
Vor allem wenn es um die Verteilung meiner Aufmerksamkeit zwischen den beiden Kindern geht. Ich versuche wirklich mein bestes, mich beiden Kindern zu widmen und es wird immer besser, je älter das Herzensmädchen wird, aber natürlich gibt es Situationen, in denen ich mich vorrangig um sie kümmern muss.
Und der kleine Mann versteht das, versteht, dass seine Schwester noch klein ist und die voll gekackte Windel nicht warten kann, bis sein Tierpark fertig gebaut ist. Aber er kann nichts dagegen tun, dass er das ungerecht findet – zu Recht!
Dann brennen seine Sicherungen durch, er wird laut, er schlägt um sich, ist hilflos, kann sich nicht mehr anders ausdrücken als so.
Wir versuchen dann ruhig zu bleiben, beruhigend auf ihn einzuwirken, ihm Halt zu geben, doch auch wir sind nur Menschen und unsere Nerven nicht immer die besten. Selbstverständlich würden wir ihn NIEMALS schlagen. Niemals, niemals, niemals!!!

Aber manchmal werden wir laut, ungeduldig und auch ungerecht mit ihm.
Und gleichzeitig tut er mir so leid, denn ich verstehe ihn!
Es ist für uns alle eine schwierige Situation, denn manchmal sind wir abends wirklich am Ende unserer Kräfte. Ich bin verzweifelt und frage mich, ob das jemals besser wird, ob ich etwas besser machen könnte.

Einiges haben wir schon verändert. So kümmere ich mich z.B. erst abends um den Haushalt zusammen mit dem Herzensmann dann, damit ich wirklich bei den Kindern sein kann. Und einmal die Woche versucht meine Schwiegermama das Herzensmädchen von der Kita abzuholen, damit ich Zeit nur mit dem kleinen Mann zusammen habe.
Denn nicht nur er vermisst mich, auch ich vermisse die Zeit ganz allein mit meinem Sohn! Diese Zweisamkeit, dieses Gefühl „Wir gegen alle!“

Er ist so ein wunderbarer kleiner Mensch.
So klug und witzig, so neugierig und interessiert. Liebevoll und aufmerksam, immer darauf bedacht, dass es uns gut geht. Er teilt seine Süßigkeiten mit armen Kindern , die nichts haben und verbringt minutenlang Zeit damit, mit seiner Schwester zu kuscheln, wenn er sie länger nicht gesehen hat. Er ist zärtlich und rücksichtsvoll, hilfsbereit und achtsam.
Und er liebt und braucht mich so sehr – so sehr, wie ich ihn brauche!
Und jetzt, wo ich es schreibe, stehen mir wieder die Tränen in den Augen vor Glück über meinen wundervollen Jungen.

Ja! Es ist mitunter schwierig, eine Herausforderung oft – aber es ist es wert!
Alles!
Und immer!
Weil es so ist!

*¹ festgemacht hat sie es neben sehr vielen anderen Dingen an einem bestimmten Verhalten des kleinen Kerlchens. Seit einigen Wochen macht er nämlich gerne einfach „Bähbähbäh Bäh Bäh!“ wenn man ihm etwas erklären möchte oder ihn um etwas bittet.
Laut Erzieherin ist dies ein Verhalten, dass Dreijährige sich nur von älteren Geschwistern (hat er nicht) oder in der Kita (da gibt es das aber auch gerade nicht) abschauen könnten. Er muss es also ganz allein entwickelt haben und das tun Kinder üblicherweise erst mit fünf bis sechs Jahren.

*² Im Übrigen ohne, dass wir es speziell gefördert hätten. Alles was ich immer getan habe, war mit ihm zu reden, viel zu reden, alles zu kommentieren und vorzulesen, selbst, als er noch ganz klein war. Und gesungen habe ich, weil ich ohnehin sehr viel und gerne singe. Singen ist schließlich das Atmen der Seele.

*³ Ihr könnt aber gerne hier noch genauer nachlesen

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