09.03.2016 Ernste Gespräche am Morgen!

Unser kleiner Mann ist nunmehr beinahe dreieinhalb Jahre alt – ganz schön groß also und doch immer noch sehr klein.

Irgendwie genau an diesem Übergang von „Wo ist meine Mama?!“ und „Hallo Welt!“. Dieser Übergang, wo er sich nicht mehr vor jedem Fremden automatisch hinter meinen Beinen versteckt, sondern durchaus auch Interesse an neuen Menschen zeigt.
Und das finde ich durchaus gut, denn es erweitert seine Welt, seine Sicht der Dinge und seinen Horizont. Neue Menschen, das bedeutet neue Erfahrungen, neue Perspektiven und neue Möglichkeiten.
Aber eben auch neue Gefahren.
Kürzlich erst gab es zwei Situationen, in denen wir aufmerksam wurden, in denen uns klar wurde, wir müssen ihm das Wissen über den richtigen Umgang mit solchen Situationen mit an die Hand geben.

Einmal besuchte uns jemand, den wir frisch kennenlernten und er ging von Anfang an sehr vertraut mit unserem Sohn um. Den kleinen Mann schien das nicht zu stören, im Gegenteil, er fand den Besuch ganz toll, aber uns waren es doch insgesamt ein wenig zu viele Berührungen dafür, dass wir denjenigen erst kennen lernten. Wir schauten uns an und uns war klar: Das dauert lange, lange bist unser Sohn mit demjenigen allein ist – wenn überhaupt.
Wahrscheinlich war es gar nichts, aber als Eltern haben wir nun einmal die Pflicht, unsere Kinder zu schützen.
Jedenfalls war dies der erste Anlass, in dem wir ganz offen mit dem kleinen Mann darüber sprachen, dass er sich von NIEMANDEM anfassen lassen muss. Er allein entscheidet, was wie mit seinem Körper geschieht und niemand hat das Recht, seine Grenzen zu übergehen – auch wir nicht. Ich z.B. frage vorher, ob es okay ist, wenn ich ihn an intimen Stellen waschen, untersuchen etc. muss. Und ich sage ihm auch ganz deutlich, wenn ich irgendwo nicht von ihm berührt werden möchte.

Einen weiteren Anlass gab es bei einem Plausch mit unserer Nachbarin, die unseren Sohn einlud mit nach oben zu kommen, sie habe etwas Schönes für den kleinen Mann. Bedenkenlos gab der Papa die Erlaubnis – im Falle der Nachbarin berechtigt bedenkenlos, sie ließ sogar die Wohnungstür bei sich weit offen, damit ich alles hören konnte – aber mir behagte die Wortwahl der Nachbarin eben nicht und das sagte ich dem Papa auch.
Er stimmte mir zu und als der Lieblingssohn wieder nach unten kam, führten wir ein Gespräch darüber, dass der kleine Mann niemals mit Fremden – und auch nicht mit Bekannten mitgehen darf, ohne das wir IHM persönlich unsere Erlaubnis gegeben haben. Egal um wen es sich handelt – Omas und Opas mal ausgenommen – er kommt erst zu uns und fragt, ob er mitgehen darf. Auch wenn der nette Onkel auf dem Spielplatz die allersüßesten Hundewelpen hat. Das ist nun gute zwei Wochen her.

Nun weiß man immer nicht, inwieweit so etwas wirklich bei einem Kind ankommt. Man sucht ja auch nach Formulierungen, um dem Kind nicht Angst vor der ganzen Welt zu machen. Keinem ist damit gedient, wenn der Sohnemann bei jedem Fremden der Hallo sagt, schreiend das Weite sucht.
Tatsächlich zeigte der heutige Morgen jedoch, dass unser kleiner Mann das Gesagte sehr wohl verinnerlicht hat.

„Mama, auf dem Schulhof habe ich schon gespielt, aber auf dem dahinten nicht, da ist das Tor zu, da darf ich nicht rauf!“ Dazu sei gesagt, wir haben zwei Schulen direkt vor dem Haus – eine Oberschule und eine Grundschule.
„Ja, mein Schatz, das ist richtig so, denn dahinten sind noch kleinere Kinder, die vielleicht noch nicht wissen, dass man nicht mit Fremden mitgehen darf und die geschützt werden müssen.“ antwortete ich diplomatisch.
„Aber Mama,“ tönt es altklug von hinten. „ICH weiß das schon!“
„Ja! Du weißt das schon. Wir haben ja schon darüber gesprochen, dass du mit keinem Fremden mitgehen darfst, stimmts?“
„Ja! Ich muss fragen.“
„Genau, du musst immer Mama und Papa fragen und nur wenn wir DIR ganz persönlich sagen, dass du mitgehen darfst, dann ist das okay!“
„Ja!“
„Wir würden niemals etwas ausrichten lassen – wir sagen dir  das immer ins Gesicht.“
„Ja! Ich gehe mit keinem mit!“
„Das ist gut!“ Und weil wir eh dabei waren und er gerade aufmerksam und interessiert, brachte ich gleich noch ein Anliegen an: „Und wenn dich mal jemand einfach mitnehmen will oder dich sogar packt, dann darfst du ganz laut schreien. Ich kenne dich nicht, lass mich los. Ich will nicht mit! Das rufst du dann, okay!“
„Ja! Das mache ich!“
„Nur Mama und Papa oder Omas und Opas dürfen dich einfach mitnehmen, da schreist du dann bitte nicht!“ Fiel mir gerade noch ein – gibt ja genug Situationen, in denen man sich so ein Kind mal unter den Arm klemmt!
„Neeee! Ihr dürft mich ja mitnehmen,“ antwortete er, als wäre dies das Selbstverständlichste der Welt.
Eine kleine Weile herrschte Ruhe, dann sagte ich: „Puuuh! Das sind ja ernste Themen am Morgen!“
Seine Antwort haute mich tatsächlich aus den Socken.
„Ja Mama! Aber manchmal muss das einfach sein!“

Recht hat er!
So furchtbar das ist, aber manchmal muss es sein. Leider!
Und ich bin froh, dass es bei uns in dieser unverfänglichen Situation geschehen konnte, eingebunden in ein normales Gespräch, dem der Sohn interessiert folgen konnte.
Denn ich höre oft: „Puh ja, darüber muss ich auch noch mit meinem Kind sprechen!“
Es ist eines der schwierigsten Themen in der Erziehung, eines vor dem man so gerne die Augen verschließen möchte, weil man sich einfach nicht vorstellen mag, dass es dem eigenen Kind passieren könnte.
Aber der sicherste Weg, dies zu verhindern, ist eben, mit dem Kind darüber zu sprechen, ihm bewusst zu machen, dass es Rechte hat, dass es Nein sagen darf, auch zu Erwachsenen und auch ganz laut, dass sein Körper ihm allein gehört und vor allem, dass dieses Thema für Mama und Papa kein Tabu ist!
Denn oftmals testen Täter an, bevor sie handeln.
Sie berühren sich oder das Kind in scheinbar unverfänglichen Situationen oder kommen z.B. ins Bad und schauen dem Kind beim Toilettengang zu. Dabei beobachten sie, wie das Kind darauf reagiert.
Sagt es offen: „Lass das, ich will das nicht!“, läuft es gar zu jemanden und sagt: „Der xxx ist einfach zu mir ins Bad gekommen!“ Oder senkt es den Blick, ist beschämt, eingeschüchtert, verlegen. Die Reaktion des Kindes in einer solchen Situation kann oft schon den Unterschied machen.
Starke Kinder werden seltener Opfer.
Und wir Eltern haben die Mittel unsere Kinder zu starken Kindern zu machen, indem wir sie ernst nehmen und ihre Grenzen respektieren. Für Kinder ist schwer zu unterscheiden, warum Dinge von Eltern erlaubt sind und von anderen nicht.
Nur, wenn wir also zulassen, dass unsere Kinder auch zu uns Nein sagen, wenn wir uns nicht über ihre persönlichen Schamgefühle hinweg setzen, lernen sie, dass sie Nein sagen dürfen.
Zu JEDEM!

Frhoppe 10.03.2016

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