01.03.2013 Die lieben Nerven!

Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass es Eltern gibt, denen die erste Zeit mit ihren Babys nicht an die Nerven geht. Auch wir hielten uns am Anfang für solche Eltern, waren wir doch vollgepumpt mit Glücks- und Kuschelhormonen. Eines jedoch lernten wir sehr schnell: Wenn man gerade eben ein Kind bekommen hat – und 15 Wochen ist erstaunlicherweise nicht so lange her, wie es sich manchmal anfühlt – dann leidet neben dem Haushalt und der allgemeinen Alltagsorganisation vor allem eins: die Nerven. Und zwar bei beiden Elternteilen.

Das liegt schlicht und einfach daran, dass man in eine völlig neue Situation geworfen wird. Nichts ist mehr planbar, alles hängt vom Zufriedenheitslevel des kleinen Würmchens ab. Wenn man – so wie wir – Glück hat und Baby von Anfang an zweieinhalb bis drei Stunden am Stück schläft und auch sonst friedlich ist, solange es genug Futter und trockene Windeln hat, dann dauert es vielleicht ein wenig länger, aber irgendwann nach einer weiteren durchwachten Nacht ist es auch bei diesen Eltern so weit: Die Nerven liegen blank. Man wird unleidlich, gereizt und empfindlich und weil man das alles nicht an Baby auslassen will und kann – der kann ja schließlich nichts dafür, der arme Wurm – sucht man sich das nächstbeste Opfer: den Partner! Bei uns wahnsinnig beliebt ist das „Falsch-Verstehen!“. Einer von uns sagt etwas und der andere versteht – wahrscheinlich aufgrund der bereits eingetretenen Hörschädigung durch Babys Geschrei – etwas völlig anderes. Nun nehme man noch ein Prise von Müdigkeit verursachter Gereiztheit und eine Messerspitze voll Empfindlichkeit dazu und Peng! Plötzlich wird aus dem gesagten: „Kannst du bitte das Kind schon mal anziehen!“ ein gehörtes „Verdammt noch mal, zieh du das Kind doch wenigsten einmal auch an!“ – diese Sätze sind natürlich situativ beliebig austauschbar – und schon steht eine Grundsatzdiskussion ins Haus. Und jeder weiß, wie ergiebig solche gereizt, empfindlich und übermüdet geführten Diskussionen sind: Richtig! Gar nicht!

Irgendwann waren wir an dem Punkt angekommen, an dem wir uns gefragt haben, warum wir so genervt von uns und von der Situation sind. Wir sind doch so glücklich, unser Sohn ist fantastisch, wir haben eigentlich alles was wir brauchen, das Kind schläft einigermaßen vernünftig und ist auch ansonsten meistens gut gelaunt, warum also sind ausgerechnet wir mit den Nerven am Ende? Weil das nun einmal so ist. Man muss sich nur mal klar machen, dass „Durchschlafen“ in den ersten Monaten eine Schlafdauer von maximal fünf Stunden bedeutet. Alles darüber hinaus ist utopisch und passiert höchstens einmal aus Versehen. Und in der Regel haben die meisten Babys diese lange Schlafphase in der ersten Hälfte ihrer Nacht, das heißt etwa von sieben bis maximal zwölf. Ich weiß, es heißt immer: Geh einfach mit deinem Kind schlafen. Nur ist das leider nicht immer realisierbar. Und dann liegt man da im Bett und erst hat er Hunger, zwei Stunden später ist die Windel voll und wenn man gerade wieder eingeschlafen ist, hat er wieder Hunger. Jedes Mal hofft man wieder, dass er jetzt mindestens drei Stunden schläft, was er aber in den seltensten Fällen tut – Ehrlich, ich hätte nie gedacht, dass drei Stunden Schlaf am Stück mal Luxus für mich sind.

Ich bleibe dabei: Ich wusste von vorneherein, dass ein Kind zu haben, eben nicht nur schöne Spielstunden bedeutet, sondern auf Deutsch gesagt, einen Arsch voll Arbeit! Wovon ich überrascht und verunsichert war, ist eben die Tatsache, dass ich doch so schnell mit den Nerven am Ende bin. Jammere ich vielleicht einfach nur auf hohem Niveau, wo es doch bei anderen weit schwieriger ist? Mittlerweile jedoch weiß ich, dass das in Ordnung ist, denn der Alltag mit Baby ist eine riesige Umstellung, auch wenn man ein „ruhiges“ Baby hat. Also ganz offen: Ob mich mein Sohn manchmal nervt? Aber ganz sicher doch! Jeden Tag mindestens einmal, nämlich zwischen fünf und sechs Uhr morgens. Ob mich mein Mann manchmal nervt? Aber sicher doch! Jeden Tag mindestens hundert Mal! Aber fragen Sie mich doch mal, ob ich glücklich bin?

Aber sicher doch – jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde!

© frhoppe 01.03.2013

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2 Gedanken zu „01.03.2013 Die lieben Nerven!

  1. Ich kann das gut nachvollziehen und glaube auch gern, das vor allem der Schlafentzug an der Gereiztheit Schuld ist. Da braucht man sich nur mal an Leute zu wenden, deren Partner schnarcht. Die sind am nächsten Morgen auch fix und fertig und bei jeder Gelegenheit an der Decke.

    Hey, aber auch diese Phase geht vorüber und wird irgendwann nur noch eine verschwommene Erinnerung sein!

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